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AB Syndrom

Mit James Blake fing alles an: „Das hat ganz schön reingehauen, als ich ihn das erste Mal gehört habe... Ein Freund hatte mir dessen CD gezeigt und meinte: Das ist ein ganz abgefahrener Typ, der in Berlin Musik macht! Also bin ich nach Berlin gezogen, hab den nie getroffen aber irgendwann rausgefunden, von wo das ganze gute Zeug kommt!“ erzählt Bennet augenzwinkernd. Bennet ist der Sänger, Komponist und Frontmann von AB Syndrom, der einstmals mit seinem Bruder aus dem Taunus in die große Stadt zog, um dort gemeinsam dem Geist zeitgenössischer und anspruchsvoller Musik nachzuspüren. Nun, ganz so gezielt war der Umzug nach Berlin nicht; Studium und zukünftige Karrieren waren ebenso Anstoß wie die Entfaltung der künstlerischen Persönlichkeit. Doch die musikalischen Einflüsse aus dem Vereinigten Königreich auf die Songs von AB Syndrom fallen dennoch auf; sie gehen schnell ins Ohr – und bleiben dort.
„Hey Herz“ (VÖ 05/2015) ist nicht das Debüt der einst aus Bennet und Aljoscha bestehenden und mittlerweile zum Quartett gewachsenen Band: Bereits 2012 wurde mit der LP „Alles Deins“ und zahlreichen kreativen Musikvideos die ersten ambitionierten Gehversuche auf dem Markt unternommen und von diesem mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Ein Kollege der Süddeutschen behauptete gar ganz richtig: „Da stimmt schon sehr viel. Man höre nur das Intro der Platte.“, bloß um im Folgesatz direkt wieder ins Klo zu greifen: „Leider hält die Qualität des Raps zu selten mit. Zu viel ungelenker deutscher Sprechgesang [...]“. Ginge es um Qualität in deutschem Rap, müssten sich folglich auch andere MCs ganz schön warm anziehen. Doch wen interessiert eigentlich deutscher Rap? AB Syndrom jedenfalls nur noch bedingt.
Da nimmt inzwischen die Riege der britischen Post-Dubstep-Produktionen klanglich einen größeren Raum ein, der bei James Blake beginnt, und von Mount Kimbie, aber auch von Flying Lotus oder The Acid beeinflusst, früher oder später zum Sound der Band führt. Da ist „Rap“, nach einer starken Weiterentwicklung der Band, nur noch Mittel zum Zweck. Wenn man es irgendwo einordnen müsste, wäre es schlicht innovativer Pop, garniert mit Einflüssen aus dem Besten, was aktuelle und moderne elektronische Musik zu bieten hat.
Dabei steht der Beat im Vordergund, wie der seit 2012 verpflichtete Drummer Anton erklärt:
„Das war genau das, was ich schon immer machen wollte: ein bisschen andere Beats, mit richtigem Groove, aber eben nicht so straight. Viele Stücke sind von der Verfremdung eines Beats aus gedacht: dieser ist oft Ausgangspunkt für die anschließende Entstehung der Songs selbst.“
Mit Anton wurde auch dessen Jugendfreund Oskar am Bass Teil von AB Syndrom, wodurch sich die Band von der reinen Produktion am Computer wegbewegte, um einen stärkeren Live-Charakter zu entwickeln. Dabei gilt auf ihren Konzerten seit je her: Keine backing tracks, keine Konservenmusik - stattdessen wird komplett alles, was man hört, auf der Bühne live umgesetzt und dabei akustische und elektronische Sounds kreativ kombiniert. Das hört man der neuen Platte deutlich an, wie beim rollenden Basslauf in „Rauch Licht Und Raufaser“, der gekonnt die eingängige Synthesizerspur des Refrains kontrapunktiert, oder wenn Anton im Finalteil selbigen Songs seine Becken und Felle deftig bearbeitet.
Die zahlreichen Klangdetails von Percussionist Aljoscha, das beatbetonte Spiel von Anton und die Bassläufe von Oskar bilden jedoch nur das Fundament für die melancholische Lyrik von Songwriter und Frontmann Bennet, der - ganz der 22-jährige Jüngling der Band - von der Liebe und all ihren Facetten schreibt: die an viel Schmerz geknüpfte Jugendliebe ist ein großes Thema, die Hoffnung, aber auch der Versuch, sich davon zu lösen und daran zu scheitern.
Bennets Texte sind beinahe autobiographisch und bieten intime Einblicke in ein junges Seelenleben, das Dank lyrischer Abstraktion und des originellen Einsatzes von Mehrstimmigkeit, Stimmverfremdung und gelegentlichen Passagen in Englisch doch undurchsichtig und schwer zu fassen bleibt.
Groß ist das Projekt der vier Jungs und groß sind die Herausforderungen – der Percussionist und angehende Designer Aljoscha zeichnet sich beispielsweise wie auch beim Erstlingswerk für das Artwork der Band verantwortlich. Und auch für das zweite Album hat die Band viel vor: zu beinahe jedem Song auf „Hey Herz“ soll ein Video erscheinen, das in Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlern entstehen wird.
Ganze vier Jahre haben die vier Musikschaffenden an den neuen Songs gearbeitet, die ihr großes „Herzensding“ sind, wie Oskar es beschreibt – da ist es nur konsequent, dass sie das Resultat ihrer Arbeit „Hey Herz“ genannt haben.
(Text: Pat Cavaleiro)

absyndrom.de